Morbus Crohn und das Mikrobiom: Was die Forschung weiß
In meiner Apotheke höre ich diesen Satz öfter, als ich zählen kann: „Mein Arzt sagt, ich habe Morbus Crohn. Was hat das mit meinen Darmbakterien zu tun?" Eine berechtigte Frage – und eine, auf die die Forschung in den letzten Jahren zunehmend differenzierte Antworten liefert.
Was ist das Darmmikrobiom überhaupt?
Das Darmmikrobiom bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den menschlichen Darm besiedeln – Bakterien, Viren, Pilze und Archaeen. Allein im Dickdarm leben schätzungsweise 10 hoch 11 bis 10 hoch 12 Bakterien pro Milliliter Darminhalt. Diese Gemeinschaft ist kein passiver Mitbewohner: Sie beteiligt sich aktiv an der Verdauung, der Immunregulation und der Produktion wichtiger Metabolite wie kurzkettiger Fettsäuren.
Die Zusammensetzung dieses Mikrobioms ist individuell – geprägt durch Genetik, Ernährung, Medikamente, frühkindliche Exposition und Lebensweise. Und sie kann gestört sein. Diese Störung nennen Fachleute Dysbiose.
Dysbiose bei Morbus Crohn: Was zeigen Studien?
Patienten mit Morbus Crohn weisen konsistent veränderte Mikrobiom-Profile auf. In mehreren Studien, u. a. aus dem Journal of Crohn's and Colitis und der Zeitschrift Gut, wurde eine reduzierte Artenvielfalt (Biodiversität) bei CED-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen nachgewiesen.
Konkret beobachtet man bei Morbus Crohn häufig:
- Verminderung von Faecalibacterium prausnitzii – einem entzündungshemmend wirkenden Bakterium, das als wichtiger Produzent von Butyrat gilt
- Verminderung von Roseburia-Spezies
- Relative Zunahme von Enterobacteriaceae, insbesondere Escherichia coli mit adhärenz-invasivem Phänotyp (AIEC)
Es ist wichtig zu betonen: Diese Veränderungen sind assoziiert mit Morbus Crohn – das bedeutet nicht automatisch, dass sie die Ursache der Erkrankung sind. Die Frage nach Henne und Ei ist in der Mikrobiomforschung noch nicht abschließend beantwortet.
Ursache oder Folge? Die Grenzen der aktuellen Forschung
Redaktionell betrachtet ist es meine Pflicht, hier transparent zu sein: Viele Studien zur Mikrobiom-Dysbiose bei Morbus Crohn sind Querschnittsstudien. Sie zeigen, wie das Mikrobiom zum Zeitpunkt der Diagnose oder im aktiven Schub aussieht – aber nicht, was davor war.
Longitudinale Studien, die Menschen über Jahre begleiten und vor dem Auftreten der Erkrankung beginnen, sind aufwändig und selten. Einige Arbeiten legen nahe, dass Mikrobiom-Veränderungen der klinischen Manifestation vorausgehen können – aber Kausalität ist schwer nachzuweisen.
Was wir sagen können: Das Mikrobiom ist ein relevanter Faktor im komplexen Zusammenspiel von genetischer Prädisposition, Umweltfaktoren und Immunsystem, das zur Entstehung von Morbus Crohn beiträgt.
Mikrobiom und Therapie: Was bedeutet das für Betroffene?
Die Forschungsergebnisse haben praktische Konsequenzen. So wird diskutiert, ob Probiotika bei Morbus Crohn sinnvoll sein könnten. Die Datenlage ist hier allerdings deutlich schwächer als bei Colitis ulcerosa oder Reizdarmsyndrom. Die DGVS-Leitlinien sprechen für Morbus Crohn bisher keine allgemeine Empfehlung für Probiotika aus.
Fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT) wird intensiv erforscht, ist für Morbus Crohn aber noch kein etabliertes Therapieverfahren – lediglich bei rezidivierender Clostridioides-difficile-Infektion ist FMT standardisiert zugelassen.
Was klar ist: Antibiotika, die bei Morbus Crohn eingesetzt werden (z. B. Metronidazol, Ciprofloxacin), verändern das Mikrobiom erheblich. Patienten sollten dies wissen und ggf. mit ihrem Arzt über Begleitmaßnahmen sprechen.
Ernährung und Mikrobiom bei Morbus Crohn
Ernährung beeinflusst das Mikrobiom direkt. Ballaststoffreiche, pflanzenbasierte Kost fördert generell die bakterielle Vielfalt. Bei Morbus Crohn ist die Datenlage zur idealen Ernährung komplex: In der aktiven Phase können bestimmte Ballaststoffe schlecht vertragen werden; in der Remission ist eine vielfältige, naturbelassene Ernährung in der Regel vorteilhaft.
Die exklusive enterale Ernährung (EEN) – eine vollständige Ernährung über Trinknahrung für 6–8 Wochen – hat in pädiatrischen Studien gezeigt, dass sie Schübe induzierten kann und das Mikrobiom positiv beeinflusst. Bei Erwachsenen ist die Akzeptanz geringer, aber die Methode wird diskutiert.
Was Patienten jetzt tun können
Mein Rat aus der Apothekenpraxis:
- Sprechen Sie mit Ihrem Gastroenterologen über den Stellenwert des Mikrobioms in Ihrem persönlichen Krankheitsverlauf.
- Kaufen Sie keine teuren Mikrobiom-Tests ohne ärztliche Indikation – die klinische Aussagekraft ist derzeit begrenzt.
- Investieren Sie in eine vielfältige, ballaststoffreiche Ernährung in Remissionsphasen.
- Fragen Sie in der Apotheke nach, bevor Sie Probiotika nehmen – wir helfen Ihnen, sinnvolle von weniger sinnvollen Produkten zu unterscheiden.
Fazit
Das Darmmikrobiom ist bei Morbus Crohn eindeutig verändert. Ob diese Veränderungen Ursache, Folge oder beides sind, ist Gegenstand aktiver Forschung. Was feststeht: Das Mikrobiom ist ein relevanter Baustein im Verständnis dieser Erkrankung – und wird in Zukunft wahrscheinlich eine größere Rolle in der Therapie spielen. Bis dahin gilt: evidenzbasiert handeln, kritisch lesen, und bei Fragen qualifizierte Fachpersonen aufsuchen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Ihre Ärztin.